zurück aus der Hölle
„tempus fugit“, wie der Lateiner sagt, die Zeit vergeht. Wenn ich auf das Kalenderblatt an der Wand schaue, habe ich über ein Jahr verloren. Hunderte von Tagen haben mich überholt und kaum etwas bei mir gelassen. Schmerzlich verbrannte Zeit. Wenn ich zurückschaue, krümmen sich meine Eingeweide, wird mir die Seele schwer. Erst jetzt haben meine Ärzte mit der ganzen Wahrheit rausgerückt, wie knapp ich dem Sensenmann entkommen bin. Man wollte es mir nicht zumuten. Aber verdammt, ich bin wieder da, habe diesen ganzen Berg von Siechtum erklommen und schließlich dem Defibrilator entwischt. Nebenbei noch die Krebserkrankung von meinem Vater begleitet und auch er ist den Häschern entkommen. Wir scheinen in der Neuzeit zu einer gewissen Stärke gefunden zu haben. Dabei bin ich eigentlich eher ein Weichei. Tatsächlich bin ich vor dieser Zeit noch nie stationär in einem Krankenhaus gewesen. Was hatte ich eine Angst davor. Doch ich kann nur jedem versichern: Man gewöhnt sich dran. Ich habe mich an Operationssäle gewöhnt, an Venenkatheder, an Herzmonitore, an Verbände und Wunden. Meine Arme sind regelrecht geschunden von den vielen Blutabnahmen. In einer Polizeikontrolle ginge ich locker als übler Junkie durch. Auch an die vielen Stiche habe ich mich gewöhnt. Es gab allerdings Phasen, in denen ich nicht mehr geglaubt habe, daß es mir wieder gutgehen würde. Tagelang kein Schlaf, nicht einmal mehr Kraft zum Aufstehen, permanente Erstickungsanfälle, Tonnen von Medikamenten, Nebenwirkungen schlimm wie Seuchen. Sicher, ich habe final 20 Prozent Leistungsfähigkeit eingebüßt, doch ich kann jetzt diesen verregneten August wieder genießen, als habe ich ihn gerade im Lotto gewonnen. Ich habe über Blätter gestrichen, ihre Oberfläche ertastet, den Geruch der Großstadt erkundet, stundenlang nur an der Elbe gesessen und den Schiffen beim Vorüberfahren zugesehen, mußte oft einfach grundlos Lächeln und habe mir ein ganz neues Wertegefüge zugelegt. Wenn ich Diskussionen über Google Streetview höre, kann ich nur verständnislos den Kopf schütteln. Nimmt mir auf der Straße jemand die Vorfahrt, denke ich nur noch gelassen, daß er es wohl sehr eilig haben wird. Drängelt sich jemand in der Schlange vor, nehme ich das nur noch zur Kenntnis. Und plötzlich sehe ich, über was die Menschen sich so alles aufregen. Und was habe ich in der Klinik gelernt: Wer sich aufregt, darf früher in den Himmel. Es ist, wie es ist. Ich habe erkannt, wo Werte liegen, insbesondere die menschlichen (ach, liebsten Dank an dieser Stelle an Anke und Gerti!). Doch auch den Alltag kann ich wieder spüren. Als hätte es manchmal die letzte Zeit nicht gegeben. Die Tagesordnung, sie kann für sich unerbittlich sein. Langsam muß der Alltag wieder funktionieren, verebbt die Sonderstellung des Geschundenen. Es ist ganz eigenartig, wenn ich durch Hamburg fahre und Stellen sehe, wo plötzlich mir unbekannte Gebäude stehen, Baulücken entstanden sind, neue Bürgersteige, veränderte Straßenführungen. Es ist erstaunlich, wie sich die Umgebung innerhalb eines Jahres verändert und wie schwer es ist, den Weg zurück in den Alltag zu finden.
Ich werde berichten.
