Ein schöner Tag!

Ich muß gestehen, die letzten Wochen sind für mich nicht einfach gewesen. Die latente Orientierungslosigkeit gewann immer mehr die Überhand und entzog mir doch ein gerüttelt Maß an Energie. Endlose Sprachlosigkeit, unbefriedigte Sehnsüchte. Nur Kleinigkeiten vermochten etwas Freude zu vermitteln. Zäh eben.
Doch heute war der Tag ganz anders. Zunächst war ich auf der Vernissage eines Schülers von mir, die mir sehr gefallen hat. Ich habe sehr nette Menschen getroffen und äußerst ansprechende Unterhaltungen geführt. Da ging der Tag schon gleich in die rechte Richtung. Abends nun war ich mit „Ihr“ und dem alten Freundeskreis inkl. Schwester verabredet. Etwas Nervosität konnte ich mir gegenüber nicht verleugnen. Als ich die Treppen zu ihrer Wohnung erstieg, wurden mir die Knie fast weich und mein Herzschlag schaltete ungefragt eine Stufe höher. Es fühlte sich an, als wäre ich nie weg gewesen und doch auch wie eine ganze endlose Ewigkeit. Meine Gedanken rasten. Als ich dann in der Tür stand, kam es mir vor, als käme ich zurück in ein Zuhause, daß plötzlich von anderen Menschen bewohnt wird. Sie hat die Wohnung komplett neu eingerichtet, weniges wirkte in seiner Gänze vertraut. Keine Reste von mir. Selten habe ich eine Ex-Freundin gehabt, die mich so konsequent aus dem Erscheinungsbild ihrer Wohnung getilgt hat. Aber so ist das Leben. Ich muß und kann das letztendlich akzeptieren. Und schon die extrem herzliche Begrüßung durch die Schwester, ließ alle Zweifel über die Richtigkeit meiner Anwesenheit dort augenblicklich verfliegen. Nach und nach kamen alle dazu und es wurde ein so schöner Abend, wie ich ihn wahrlich lange nicht mehr erlebt habe. Die menschliche Wärme war so überwältigend, als sei ich keinen einzigen Augenblick lang fortgewesen. Auch wenn es tatsächlich schon fast ein Jahr war. Perfekt. Einzig getrübt wurde das Zusammensein durch eine kaum zu erklärende Schweigsamkeit von ihr zum Ende des Abends. War ich…? Hätte ich…? Müßte ich…? Ich bremse mich dabei gedanklich auf dem Nachhauseweg, denn ich muß hier nicht mehr die Rücksicht nehmen, die ich noch vor einem Jahr hätte walten lassen. Ich bin dieser Verpflichtung entbunden. Trotzdem hatte es mich irritiert. Ich kann eben nicht von heute auf morgen aus meiner Haut. Aber wie ich es drehe und wende: Es war schön. Und wie bestellt gesellte sich ein warmer Wind zu mir auf meinem Weg vom Bahnhof nach Hause. Eine unendlich sanfte Luft, die sich fast mit mir zu freuen schien. Der Wind machte den Eindruck mich begleiten zu wollen und ich würdigte ihn wie einen lang vermißten Freund.

Ein Tag wie eine Postkarte.

~ von seichteswasser am September 3, 2008.

Eine Antwort to “Ein schöner Tag!”

  1. das ist schön…dein schöner tag. der weg der besserung, die leichtigkeit tauscht sich mehr gegen die schwere, vielleicht nicht immer, aber sie bricht durch die wolken hindurch, bis die schwere der vergangenheit irgendwann ganz verpufft.

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