Die Geschichte eines Regentropfens

Wäre ich ein Regentropfen, käme ich vom Himmel, sinkend rasch zur Erde. Frisch angekommen, sähe ich mich um:

Alles ist neu und grün. Ich lege mich sanft auf ein ganz frisches Blatt und blicke immer wieder vorsichtig um mich herum. Die Sonne scheint und versieht die Wiesen unter mir mit einem bizarren Nebel, der langsam und stetig hinaufsteigt zu mir. Ich weile freudig auf meinem Blatt, beatmet vom Ausblick auf das schier endlose Grün. Ich sauge die feuchte Luft auf, deren Teil ich bin. Plötzlich verliere ich den Halt von diesem liebgewonnenen Blatt und sinke, getragen vom Wind, zu Boden. Es riecht jetzt nach Tannennadeln, ganz erdig, ich verteile mich, kaum angekommen, gleichmäßig über mein kleines Areal. Mein Blick geht zum Himmel und ich sehe den einen oder anderen Tropfen ebenfalls noch gen Boden sinken. Plötzlich macht es ein leises „Platsch“ direkt in meiner Nähe. Ich schaue zur Seite, noch immer überwältig von der Vielfalt des unter mir ruhenden Bodens. Ein anderer Tropfen hat sich neben mich gesenkt. Sie lächelt mich an. Ich frage, ob sie gut gelandet sei; wie die Reise war. Sie schaut mich nur weiter lächelnd an, ganz still. Unwillkürlich befällt auch mich diese spontane Freude. „Bist du schon lange hier?“, fragt sie mich. „Nein“, antworte ich, „ich bin auch erst gerade hier angekommen.“ Wir schauen uns an, Sekunden, Minuten. „Ich will bei dir sein“, sagt sie plötzlich mit einer Melodie im Satz, die mich keine Sekunde an ihren Worten zweifeln läßt.

Ein Moment größter Wonne, vollkommen rein. Doch die Sonne legt ihre Wärme immer stärker auf uns. Langsam werden wir ganz leicht; die Grenzen unseres Seins verschmelzen und wir steigen wieder hinauf, doch diesmal gemeinsam, ohne Trennung. „Wir können ja fliegen“, sagt sie mit Begeisterung. Ich schließe die Augen mit dem Gefühl, nirgends anders sein zu wollen und erfüllt von Glück. Ich spüre, wie sie mich durchdringt und wir immer mehr aus zwei eine Eins machen. Eine wunderschöne Einheit auf dem Weg zum Ursprung, zyklisch und voller Gemeinsamkeit. „Es ist so schön, dich an meiner Seite zu haben“, flüstert sie mir leise zu, bevor wir endgültig vereint werden und wolkengleich am Himmel wieder zu einem Tropfen werden, der sich erneut anschickt, gen Boden zu sinken. Alles fließt…..

~ von seichteswasser am August 28, 2008.

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