Wenn der Tod in die Gesichter schaut
Im dem Augenblick, wenn Gedanken sich in der Hast auflösen, sich endlos wenden, eilen und verweilen, dann legen sie manchmal frei, was lange schon sich zitternd im Keller verbarg. Der augenblickliche Sturm meines Zornes und die Enttäuschung der letzten Wochen bringen es an die Oberfläche, kraftvoll und ohne Rücksicht. In dem Bruchteil einer Sekunde erriecht meine Nase Gerüche, erinnern sich meine Augen an Bilder, hören meine Ohren Geräusche, die alle längst den Segen des Vergessens hätten erhalten sollen. Sie sollten nicht hier sein, nicht jetzt, nicht morgen. Nie wieder. Es ist zu spät, ich muß diese Tür jetzt freigeben, die Stunden, die Tage, die Monate, die Jahre. Es ist, als säße plötzlich jemand auf meinem Brustkorb, die Erinnerungen erheben sich wie Hochwasser. Mein Herz schlägt merklich schwerer.
Kalt, die Bäume haben längst ihre Blätter verloren. Ich stehe auf der Straße, die Kälte kriecht meinen Rücken hinauf und erreicht die Angst, die dort in meinem Nacken sitzt. Schwere Schritte, große Türen, die aufschwingen und den Eindruck vermitteln, mich nie wieder herauslassen zu wollen. Das Treppenhaus ist wieder viel zu warm geheizt. Eigenartige alte Heizungen aus schwerem Eisen, deren aufsteigende Hitze dunkle Nebel auf der Tapete hinterlassen hat. Ich halte inne, wünsche mir so sehr in einem Traum zu sein. Der Geruch beißt sich in meine Nase. Als wolle er mich schütteln und mir sagen, ich solle ihn nie wieder vergessen. Wie könnte ich. Wieder eine Tür zum Aufschwingen. Ich hasse es hier zu sein. Der Boden glänzt verdächtig, meine Schuhe machen beim Begehen leise und unangemessene Quietsch-Geräusche. Ich bin da, der lange Flur und die Menschen, geschäftiges Treiben. Niemand hat hier Kraft, von mir Notiz zu nehmen, niemand hätte wirklich Zeit dafür. Manche Menschen vermuten nur, hier zu sein, es würde ihr Leben verändern, ich weiß es schon. Ich weiß, daß nichts je wieder so sein wird, wie es einst mich sanft umschloß. Ich bin wie eine Insel auf diesem Flur. Bewege mich nicht, will diesen Gang nicht machen, bin regelrecht starr. Diesen Gang nicht und alle danach und davor auch nicht. Ich weiß, der Tod ist hier zu Hause. Er sitzt versteckt und geduldig in den Ecken, geht lauernd von Zimmer zu Zimmer und blickt unerkannt prüfend in die Augen der Menschen. Und ich weiß, er wird vor unserer Tür diesmal nicht Halt machen. Er wird unsere Tür brechen wie ein feiger Dieb. Er wird sich hereinstehlen, die Achtung und unsere Angst belächeln. Er wird uns berauben. Er wird uns zurücklassen und mitnehmen, was wir so unendlich geliebt haben. Ich sehe mich um. Die Frau vor mir schleicht müde und gebeugt über diesen Flur, ihr Blick ist so leer, ihre Haut blaß wie eine weiße Wand. Es treibt mir die Tränen ins Gesicht. Eine Schwester läuft hastig über den Flur und kreuzt meinen Weg, ohne mich zu sehen. Niemand findet hier noch ein Lächeln, ich auch nicht mehr. Als ich das Gebäude einmal wieder verlasse, folgen mir all diese Bilder, die Gerüche, die Geräusche, das Leid. Bis heute. Kurz nach zwölf in der Nacht eines schlimmen Tages, brach schließlich der dunkle Geselle das Siegel unseres Hauses.

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