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Freundschaftsbetrug

Vielleicht habe ich in meinem Leben zu viele Menschen verloren, um noch neutral beurteilen zu können, was genau Freundschaft ist und welchen Grad sie von Bekanntschaft unterscheidet. Menschen, die gehungert haben, essen auch gerne einmal etwas Unverdauliches. Ich liebe so sehr den Umgang mit Menschen, daß ich auch in der hintersten und finstersten Ecke eines kauzigen Exemplars noch den wundervollen Glanz entdecken kann. Ich befürchte nur, dabei das eigentliche Wesen von Freundschaft zu ignorieren. Es darf nicht zu einer Beliebigkeit führen; die Auswahl derer, mit denen man sich umgibt, sie gehorcht Regeln, die über ihre Funktion hinaus von tiefer Sympathie geführt wird. Schlußfolgernd habe ich offensichtlich das Wort „Freund“ zu leichtfertig benutzt, es regelrecht wahllos verliehen. Es begann eine Medaille ohne Wert zu werden. Doch seit einiger Zeit fliegen mir diese Verbindungen regelrecht und reihenweise um die Ohren. Ich will das mit Brücken vergleichen: Ich sehe vor meinen Augen meinen Lebensfluß, über den die zahlreichen Brücken meiner Freunde verlaufen. Ein sicheres Gefühl. Aber ich habe mit der falschen Anleitung gebaut. Denn seit kurzer Zeit beginne ich, diese Brücken auch zu betreten, nicht nur zu pflegen. Und ich merke schmerzhaft, daß nur ganz wenige wirklich gehalten haben. Manche brachen schon in der Ankündigung des Begehens, andere brachen gleich im ersten Schritt. Es hat gekracht in meinem Leben, laut und kreischend. Heute der vorläufig letzte Akt, der mich zornig meine Worte wiederfinden ließ: Die realitätsverdrehenden Anwürfe einer dieser Brücken, die ihren Namen nicht verdient. Unverschämtheiten ergossen sich boshaft aus eMails und dem Hörer meines Telefons. Ein Streitgespräch, das mir das Blut druckvoll in die Adern preßte, den Schweiß auf die Stirn trieb. Die Worte und mein Puls jagten um die Wette. Nutzlose Verschwendung von Lebensenergie. Als die Worte verklungen und mein Herz seinen alten Takt endlich und regelrecht erlösend wiederfand, blieb nur noch Ernüchterung. Freundschaftsbetrug. Doch eigentlich kann das nur begehen, wer dieses Attribut „Freund“ auch jemals berechtigt inne hatte. An der Stelle sollte ich mich an die eigene Nase fassen. Ich hätte es besser wissen sollen. Auch und gerade unter dem Eindruck diese Blogs erkenne ich zunehmend, daß es Menschen gibt, die mir gedanklich viel näher sind, als einige meiner sogenannten „Freunde“. Dieses Forum hat insofern etwas dazu beigetragen, meine Maßstäbe ein wenig zu ordnen. Und wie eine bestätigende Belohnung für diese Erkenntnis, in einem nahezu perfekten Moment, auch eben noch ein geistreicher und sehr einfühlsamer Kommentar aus den Weiten des Blogs auf den vorigen Eintrag….. Ein schöner Zufall.

~ von seichteswasser am April 28, 2008.

3 Antworten to “Freundschaftsbetrug”

  1. seichteswasser, hallo, ich schalte mich mal kurz dazu. *smile*
    du schreibst von “neutral be-urteilen”, schließt “neutral” nicht ein be-urteilen aus und bedeutet vielmehr, die dinge oder freundschaften so betrachten zu können, wie sie sich zeigen. ohne eine be-wertung hineinzulegen?
    und du sprichst von maßstäben … vielleicht verstehe ich das nicht richtig, aber es fühlt sich so an, als müsse eine freundschaft bestimmte erwartungen erfüllen, gemessen an … einer skala von dingen, die einer oder beide “freunde” in der freundschaft zu erfüllen haben.

    nun, vielleicht sehe ich persönlich freundschaft ganz anders. gemessen an nichts als gefühl. an dem gefühl, dass “heute” der richtige tag ist, sich zu melden, treffen, telefonieren. auch wenn ein halbes jahr vergangen sein mag. oder dann eben erst morgen.
    erwartungslos in dem bewußtsein, dass man füreinander da ist, soweit möglich und wannimmer möglich.
    aber ohne jede verpflichtung.
    mag sein, dass ich das so empfinde, weil ich selbst nichts und niemandem außer mir selbst so richtig verpflichtet bin und SEIN möchte.
    ich würde das auch umgekehrt nicht mögen, dass sich mir jemand verpflichtet fühlt, um himmels willen.
    es ist zwar eine starke ver-bingung vorhanden, aber dennoch jede freiheit.
    alles geschieht aus freien stücken, so ist es mir am liebsten. so entstehen diese kleinen und großen dramen erst gar nicht, die es rund um *freundschaft* gibt.

    interessant, wie worte in aufruhr bringen können, nicht?

    und schön, wie du deinen beitrag formuliert hast!
    g.grüßt :- )

  2. Die zu hohen Erwartungen liessen schon manche Freundschaft zerbrechen, auch zu viel Kumpelhaftigkeit ist nicht unbedingt das richtige. Wahre Freundschaft erfahren wir oft von Menschen, von denen wir, das nie erwartet hätten. In der Not, erkennen wir unsere Freunde. Auf meinem Blog habe einen Beitrag, mit dem Titel “vier Arten von Freunden” hier der Link http://zentao.wordpress.com/2007/09/27/vier-arten-von-freunden/
    Ich hoffe dass Du mit dem etwas anfangen kannst.
    Liebe Grüsse zentao

  3. Mir hilft es manchmal in leisen Momenten zu überdenken: Wer ist eigentlich noch Freund und wer nur aus Gewohnheit ein solcher, obwohl vielleicht nette bekanntschaft viel eher zutreffen würde. Das ändert nicht unbedingt etwas an meinem Verhalten den Personen gegenüber, aber an meiner Einstellung zu dem Thema ansich. In solchen Überdenk-Momenten schaffe ich mir selbst Klarheit und zügele meine Ansprüche oder Erwatungen an den anderen. denn wie du schon sagtest, manchmal muss man sich erstmal an die eigene Nase fassen, um zu erkennen, was denn nun wirklich Sache ist.
    Natürlich kann auch ein anderer etwas dafür, wenn eine Freundschaft nicht mehr richtig funktioniert, schließlich gehören immer zwei Menschen zu so einer Beziehung dazu. Doch letztlich ist die treibende Kraft wohl auch oft die eigene Erwatungshaltung, die so eine Beziehung zu dem macht, was sie letztlich ist - eine Enttäuschung oder eine Berreicherung.

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