45 Minuten S-Bahn
Ich glaube, das Leben ist nicht wie eine Pralinenschachtel, sondern vielleicht eher wie eine Fahrt in der S-Bahn. Beispiel? Einmal fährt man oben, um im nächsten Augenblick im Tunnel zu verschwinden. Auf und ab. Dann sah ich vorgestern dort ein Pärchen einsteigen. Jungfernstieg. Sie fielen mir gleich ins Auge, da offensichtlich Zwietracht in der Luft lag. Sie setzen sich direkt mir schräg gegenüber und konnten so nicht vermeiden, daß ich an ihrem Zerwürfnis teilnahm. Diskret sah ich hinüber: Sie hatte schon gerötete Augen; es waren wohl schon Tränen geflossen. Sie schaute mit einem schrecklich traurigen Blick leer auf den Boden der Bahn. Der Begleitung war derweil anzusehen wie leid es ihm tat. Ein ganz sympathischer Mann, dem aber selbst ich seine Unbeholfenheit deutlich ansah. Verzweiflung mit unterschiedlichen Vorzeichen schwebte über den Beiden. Ganz sanft strich er ihr über den Oberschenkel. Geradezu liebevoll und so verzweifelt. Und doch auch ungelenk. Es trieb mir fast die Tränen in die Augen. So blieb seine Geste auch ohne jegliche Reaktion von ihr. Das leere Starren von ihr fand keine Unterbrechung. Ich empfand die Beiden eher unbeholfen als wütend. Resignation. Es fühlte sich nach einer letzten Weggabelung an. Doch warum es mir so in Erinnerung blieb, war der Umstand, die Situation so gut nachfühlen zu können. Beide wollten vielleicht etwas Gemeinsames und doch kamen sie nicht zu ihrem Ziel. Vielleicht nur eine Frage der Verständigung? Ich werde es nicht erfahren. Ich mußte schließlich aussteigen. Aber die traurigen Augen und die Wortlosigkeit der Beiden blieben lange in meinen Gedanken. Doch die nächste Linie hatte schon das nächste Ereignis für mich parat: Diesmal fiel mir eine rothaarige Frau auf, die sehr in sich gekehrt trotz zahlreicher freier Plätze am Ausgang stand. Hastig im Wesen. Sie war fast wie eine einsame Insel im Wagon. Während alle anderen sich mehr oder minder diskret Blicke zuwarfen, teils lustlos, enthielt sie sich diesem typischen Ritus der Bahnreisenden. Aber die Auflösung folgte sogleich: Gerade fuhr die Bahn in eine Station ein, da begannen ihre Augen eilig den Bahnsteig abzusuchen. Erst dachte ich an eine Schwarzfahrerin, aber dann: Sie erblickte jemanden am Zug und ihre Gesichtzüge blühten plötzlich auf, wie verwandelt hastete sie fröhlich dem Ausgang zu. Die Türen öffneten und sie sprang geradezu auf den Bahnsteig, lief zu dem wartenden Mann und umarmte ihn. Diese Umarmung, es war ein Erlebnis sie anzusehen. Selbst als Zuschauer durchzog mich dieses Gefühl der Beiden. Und alle Gedanken über Vor- und Nachteile von Beziehungen, die Frage gemeinsamer Wohnungen, das alles wurde in dieser Sekunde beantwortet. Die Liebe dieser Umarmung, sie sagte alles, hielt in sich die Perfektion des Augenblicks, sie war die einzig bedeutsame Ziellinie. Ich konnte nicht vermeiden, den Beiden einen beneidenden Seufzer mit auf meinen Weg zu geben. Dieses Glück, noch voller Bestand, voller Leidenschaft. Großartig, lebendig, zweisam und bündig. Minuten später durchzog mich noch ein Lächeln, das lange anhielt. Das Leben ist wie eine S-Bahn-Fahrt.

Du hast Recht. Wenn man Menschen erleben will, muss man Bahn fahren. Da gibt es so viele Geschichten. Und in der Bahn begegnen sie einem alle - früher oder später. Schön, lustig und manchmal auch sehr bizarr.