Zeit
Vor kurzem fand ich einen alten Brief in einer schon recht verstaubten Schublade, ganz unten im Schrank. Ein Luftpostbrief von 1960, auf dünnem Pergament geschrieben. Mit alten Umgangsformen, einen Stolz und eine Würde vermittelnd, wie heute kaum noch Nachrichten ihren Absender verlassen. Ein Nachhall aus der Vergangenheit. Zumindest der Empfänger dieser Zeilen ist leider schon verstorben. Ein Andenken. Ein schlichtes Blatt Papier, dessen einzige Leistung es war, Nachrichten von einem Ort zum anderen zu transportieren. Wie kann sich eine simple Anreihung von Zellstoff erdreisten, seinen Verfasser derart zu überleben? Zeit. Sie ist Gabe und Fluch zugleich. Ihr Empfinden ist ein wenig wie ein Gewinn in der Lotterie. Zu Beginn kann man sich alles leisten, etwas nachhaltig gestalten. Doch das Geld wird weniger, nicht alles kann mehr erworben werden. Irgendwann schleicht sich das Gefühl herbei, daß sich das Geld seinem Ende nähert. Und so hat der letzte Taler plötzlich eine Unmenge mehr Bedeutung als der erste. Ist es mit dem Leben und der Zeit nicht auch so? Als Kind gibt man die Zeit mit vollen Händen aus, kann alles erreichen. Es ist noch so unendlich viel Zeit, die vor einem liegt. Menschen leisten sich, Tage mit Nichtstun zu verschwenden, das kostbare Gut nicht intensiv zu nutzen. Doch es nähert sich der Tag, an dem die noch folgende Zeit durch ihren Ablauf eine höhere Bedeutung bekommt. Das „Geld“ sich also langsam zum Ende neigt und die bittere Erkenntnis, nun auch nicht mehr viel erreichen zu können. Der Vergleich mit einer Lotterie zeigt sich auch mit der Gesamtbetrachtung des Lebens auf: Es ist ein glückliches Geschenk, wie ein Gewinnerlos, dessen Dauer und Wirkung nicht vorherbestimmbar ist. So ist es schön zu glauben, man würde ewig leben; die Zeit auf Erden währte unendlich. Man könne alles unbegrenzt erreichen. Aber das ist nicht so. Die Zeit kann morgen schon abgelaufen sein. Daher sollte man sie ein wenig mehr achten und die Dinge nicht auf die allzulange Bank schieben.

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