Wenn Musik spielt, der Tag seine letzte Neige beginnt und alles so eigenartig scheint, als wäre er der Tag zuvor, dann gehen meine Gedanken gerne einmal wieder fort zum Denken. Sie sammeln sich zügig und das Bündel beginnt seine Aufführung. Die Musik spielt weiter und ihre Rolle. Gedanken von Ziellinien, Projekten, Anstrengungen und der Wunsch nach so mancher Eroberung. Die Wörter „hätte“ und „könnte“ greifen hastig nach ihrem Platz und arbeiten sich an die Spitze meines Gedankenwirrwarrs. Ich erlebe Ziele, die schon beim Öffnen meiner Hand ihr armseliges Ende fanden. Es durchfahren mich Wünsche, die nie das Siegel der Erfüllung bekamen. Plötzlich fallen mir mehr Dinge ein, die ich nie erreicht habe, die an mir sehnsuchtsvoll vorübergezogen sind, wie paradiesische Südsseeinseln, die ich, trotz meiner Nähe dazu, nie betreten durfte. Meine Gleichung von Glückseligkeit klingt augenblicklich morsch und ächzt unter meinem Bedenken. Langsam streiche ich über Alternativen, Möglichkeiten, über neue Horizonte. Ich erklimme Ausblicke und flüstere leise „Hoffnung“ vor mich hin. Wenn Wünsche doch Flügel bekommen könnten, wenn Hoffnungen sich durch tiefe Sehnsucht beeinflussen ließen. Wenn Träume durch einen Entschluß sicher ihren Weg in die Realität finden könnten. Dabei kommt mir letztendlich in den Sinn, daß wohl nur dem Mutigen die Welt und damit die Erreichung dieser Ziele in gedeihlicher Anzahl gehört. Aber was nur, wenn man diesen Mut nicht ausreichend aufbieten kann? Kann man sich Mut leihen? Oder könnte man ihn irgendwo anpflanzen? Wahrscheinlich nicht. Es sind diese Vergeblichkeiten, die mein Leben gerne ab und zu verlangsamen.
Dänische Luft
Eine Woche Dänemark. Eine Woche Römö. Als hätte sich die Insel vorgenommen, sich von Ihrer besten Seite zu zeigen. Wie ein wohlerzogener Gastgeber. Gerade sitze ich auf der Terrasse (siehe Bild) und atme diese wundervolle Inselluft. 26 Grad und etwas Wind, der einen Hauch Kühle verschafft. Ich kenne kaum andere Plätze, an denen die Luft so ist wie hier. Eine Woche nur Sonne, Strand und Nichtstun. Und wie eine Streicheleinheit des Schicksals, treffen ganz zaghaft plötzlich wieder gute Nachrichten ein. Ein kurzes Durchatmen. Kein Ansturm, aber vielversprechendes Licht am Horizont. Scheinbar lohnt es sich, niemals aufzugeben. Weil nach Dunkelheit immer wieder Sonne folgt. Hoffentlich….

Bilder vom Leben XIII

Strand von Römö, Dänemark, vorhin
Einsamkeit
Samstag. Der Tag für Geselligkeit, Vergnügen oder Kurzweile. Ich sitze auf den Treppen der Terrasse, mein Blick fällt auf das neben mir liegende Telefon. Wir zwei haben wirklich alles gegeben, heute die erstrebte Geselligkeit zu erwirken. Die Uhr mischt sich ein und beantwortet die Vergeblichkeit dieses Unterfangens mit der Anzeige von 21.00 Uhr. „Da kommt wohl nichts mehr“, brabble ich vor mich hin und das Telefon scheint mir nickend zustimmen zu wollen. Ich fühle mich unendlich einsam. Ich lausche dem Vogelgesang und lasse lieber erst einmal los. Ich habe es in meinem Leben immer schon als sehr lästig empfunden, einen Sonnabend nicht verplant zu kriegen, wenn ich es unbedingt wollte. Manchmal bin ich dann alleine losgegangen und habe festgestellt, daß ein solcher Abend nicht meinem Naturell entspricht und nur veranlaßt, daß ich mich noch schlechter fühle. Und da naht er plötzlich: Der emotionale Rückfall. Er schlängelt sich vor mir durch den Gartenzaun, tänzelt sich durch die Büsche, umgeht den Baum, um mich mit einem Anlauf mit voller Wucht zu erwischen. Ich vermisse sie plötzlich wieder so sehr. Ihre Nähe, das Gefühl der Zweisamkeit, ihr wunderschönes Lächeln, ihren Geruch, ihre Lippen auf meinen. Warum fallen mir denn jetzt alle diese Dinge wieder ein? Ich hatte doch schon ein zartes Flies des Vergessens darüber gelegt. Dieses eigenartige Jahr. Ich frage mich spontan, welcher Planet ungezogen durch den Kosmos rast und hier meine Geschicke verkegelt. Aber das Leben hat seine eigenen Spielregeln, die wohl nicht auf verirrte Planeten hören. Aber was ist es bloß, was die Sache hier seit einem halben Jahr so stottern läßt? Vielleicht ist es lediglich eine Frage der Gewichtung? Sicher. Der nächste Samstag wird es wieder richten. Wehe, wenn nicht! Für den Augenblick rette ich mich mit einer DVD: Frühstück bei Tiffany. Ach, schön…..
Bilder vom Leben XII

Hamburg, Alster, vor 4 Stunden
Bilder vom Leben XI

Rotterdam, Europort, gestern
Bilder vom Leben X

Amsterdam, heute nachmittag
Bilder vom Lebem IX

Hafen Hamburg bei Sonnenuntergang
Gespräch mit einem Uhren-Zeiger
Ein anstrengender Tag heute. Noch auf dem letzten Drücker schnell in den Supermarkt, dann geradewegs nach Hause. Mein Blick fällt auf meine Füße, schwer sind sie geworden, als hätten sie Sohlen aus dickem Blei. Und langsam lassen sie oft meinen Gang werden. So unendlich langsam. Ich setze mich müde auf einen Stuhl in der Küche, als ich ein leises „Pscht…“ vernehme. In der Gewißheit, hier ganz alleine zu sein, läuft meine Aufmerksamkeit sogleich wieder in die Leere der Küche. Meine Augenlider machen der Schwere meiner Füße Konkurrenz und wollen meine Blicke verschließen. Doch meine Augen bohren einfach weiter lustlos sinnlose Löcher in die Luft der Küche. „Hast du mich eigentlich in der letzten Zeit beachtet, wie es mir gebührt?“, kommt es ganz leise von der Wand. Irritiert drehe ich mich langsam zur Seite. Der Zeiger der Uhr lächelt mir höflich zu. „Wie meinst du das?“, frage ich ihn und füge bereitwillig erklärend hinzu, daß ich schließlich morgens nach dem Aufstehen auf die Uhr sehen würde und nach dem Kaffee, auch vor der Bahn. „Aber das meine ich nicht“, entgegnet der Zeiger ganz ruhig mit fast sonorer Stimme. „Ich sehe dich morgens, wenn du mit dem Kaffee in der Hand traurig nach draußen siehst, minutenlang und verloren. Bedenkst du dabei, daß diese Augenblicke nicht wiederkehren, du sie oft auch an anderer Stelle so gedankenlos verbrauchst?“. Ich bin erstaunt und antworte spontan und fast trotzig: „Bist du nicht der, der mir diese Minuten auch gerne stiehlt? Du bist es doch, der mich hier so hetzt!“. Lachen erschallt von der Wand. „Ja, genau das habe ich mir gedacht, daß du mich so siehst. Aber ich stehle und ich hetze nicht. Ich bin die Konstante, der unbeeinflußbare Takt, die Einheit der Vergeblichkeit oder des Erfolges. Ich gebe dir großes Kapital und kann sogar sehen, was du daraus machst. Und genau das macht mir Sorge. Achte die Zeit und sie wird dich achten!“. Ich schüttle verwirrt den Kopf. „Du bist ein Zeiger. Du kannst doch eigentlich nicht einmal sprechen.“ Eine kleine Pause macht den Raum ganz still. „Und warum antwortest du mir?“. Ich bedenke, meine Gedanken beginnen zu kreisen, Frage um Frage fällt in mein Bewußtsein, minutenlang reise ich durch verlorene Augenblicke, gewichte und wäge. „Vielleicht weil du Recht hast…“, durchbricht es leise und kleinlaut meine Lippen. „Weil du so verdammt Recht hast. Hörst du??“, dringt es lauter durch den Raum. Ich drehe mich zur Uhr an der Wand und nehme sie nach Ausbleiben einer Antwort vorsichtig herunter. Leise höre ich den Takt der Sekunden. Die Zahnräder lassen unbeirrt ihre Arbeit erklingen. Sonst nichts. Ich hole einen Schraubenzieher und nehme die Rückseite ab, schaue in das Innere dieser Uhr. Es ist eine Wanduhr. Nur eine ganz einfache Wanduhr…..
Verloren in den Details eines Unwetters
Nach viel Sonne, geselliger Wärme und dem Empfinden reinen Sommers, ziehen heute ganz plötzlich Wolken auf. Schnell und unerwartet. Der Himmel verdunkelt sich eilig. Die Hitze weicht erschrocken zurück und gibt freiwillig den Weg frei für Sturm, Donner und Regen. Ich stehe Rödingsmarkt und betaste fasziniert die tiefdunklen Wolken mit meinen Augen. Von weit her kann ich ein leises Grollen hören, fast wie das ganz entfernte Donnern von Kanonen. Ich halte in meinem Weg inne und betrachte fasziniert das Aufkommen des Unwetters. Eigentlich müßte ich jetzt weiter zum Termin, aber Pünktlichkeit war das alte Leben, es geht jetzt um nichts mehr. Im Augenblick habe ich tatsächlich Zeit dafür, mich auf die Choreographie der Wolken zu konzentrieren. Eine Frau neben mir sucht vorsorglich schon, nach meiner Ansicht unnötig hastig, in ihrer Handtasche nach einem Regenschutz und zieht sichtbar erleichtert einen kleinen Taschenschirm hervor, der angesichts der finsteren Wolken ihr wohl kaum ausreichend dienlich sein wird. Das Donnern kommt näher und die Wolken entziehen immer stärker der Umgebung das Licht. Ein erster Blitz führt seinen sekundenschnellen und doch faszinierenden Tanz am Horizont aus und verlischt mit einem imponierenden Donner. Ich schaue seitlich auf die schon ganz welken Bäume und Sträucher am Rand der Straße. Hätten sie Hände und Arme, sie würden den Regen wie einen lang vermißten Freund mit ihren offenen Armen herbeisehen und jeden Donner mit Applaus belegen. Ich stelle mich unter das Viadukt, denn wie die meisten Anderen habe ich angesichts des unerschöpflichen Sonnenwetters natürlich keinen Schirm eingepackt. Erwartungsgemäß beginnt nun der Regen und reitet herein auf dem plötzlich aufkommenden Wind, der sich Mühe gibt, ein Sturm zu werden. Die Regentropfen werden von den staubtrocknen Steinplatten vor mir eingesogen, wie Tinte in einem Löschpapier verschwindet. In wenigen Augenblicken erzeugen die Tropfen den Duft eines Sommerregens, was mich sofort an meine Kindheitstage erinnert. Barfuß auf den heißen Steinplatten laufen und übermütig in die sich schnell bildenden Pfützen springen, begleitet von diesem Geruch des Regens im Sommer. Die Sonne aber, sie will sich heute nicht kampflos geschlagen geben und durchbricht für Momente die Linien der Wolken, Blitze und Regentropfen und erzeugt einen ganz kleinen Regenbogen. Ihr Licht läßt die nasse Umgebung einen Augenblick lang in ein Meer von Spiegeln und Glanz versinken, um sich im nächsten Augenblick wieder hilflos den Wolken ergeben zu müssen. Man hätte Eintritt für diese filigranen Eindrücke nehmen können. Der Hall der Donner rollt sich von Haus zu Haus, um imposant fern zu verebben. Ich atme ganz tief die Regenluft und meine Erinnerungen. Es macht mir für Augenblicke das Herz ganz leicht und ich vergesse für Momente den Kampf der letzten Wochen. Langsam setze ich meinen Weg wieder fort. Als ich vollkommen verspätet bei meinem Termin ankomme und auf diese wundervollen Eindrücke hinweise, ernte ich nur verständnisloses Kopfschütteln. „Ach, wenn ihr nur wüßtet“, denke ich bei mir und lächle unendlich zufrieden in mich hinein.
